VON PETER
JANY
Bis vor kurzem war ich noch
gegen die Umgehungsstraße", erklärte mir dieser Tage ein Ahausener Bürger,
"aber zwischenzeitlich bin auch ich davon überzeugt, dass sie dringend
erforderlich ist." Zu solcher Erkenntnis kommt, wer die Verkehrsbelastung
im Ortskern Bermatingens zur Kenntnis nimmt. Vorbei sind die Zeiten, als ein
Spaziergang - z. B. vom oder zum Kindergarten - entlang der Salemer Straße noch
als solcher gelten konnte, oder als die Straßenüberquerung am Rathaus noch kein
Goldenes Sportabzeichen erforderte. Wie groß der Leidensdruck tatsächlich
geworden ist, erleben die Anwohner entlang der L 205 Tag für Tag. Die einzige
Möglichkeit, Bermatingen deutlich und nachhaltig von der Belastung durch etwa
13000 Kfz/Tag (davon etwa 900 Schwerverkehr, Tendenz steigend) zu befreien, ist
der Bau einer Ortsumfahrung. Weder der ausdrücklich zu unterstützende Ausbau
des ÖPNV kann dies leisten, noch werden zukünftige Verkehrsentwicklungen dies
von selbst ergeben. Das "Prinzip Hoffnung" wird nicht entlasten, und
die "Methode Anzweifeln" von Messergebnissen oder Prognosezahlen
nichts am tatsächlich vorhandenen Verkehr ändern.
Der Neubau einer
Umgehungsstraße bedeutet allerdings, dass ein weiterer Eingriff in die Natur
notwendig wird. Deshalb muss dieser möglichst umweltverträglich ausgeführt
werden: Flächeninanspruchnahme, Zerschneidung funktionaler Zusammenhänge,
Auswirkungen auf unser Wasserschutzgebiet und Störung durch Verlärmung oder
Schadstoffeinträge sollen möglichst vermieden bzw. minimiert werden. Zwar
werden Lärmbelastungen nur verlagert, allerdings in diesem Fall zum Nutzen der
Ortslage und zu Lasten von Freiflächen. Dass die prognostizierten
Belastungswerte für die Ortsrandlage von Bermatingen und Ahausen weit unterhalb
jedweder Grenz- oder Richtwerte für Wohn- und Mischgebiete liegen, ist
Bedingung.
Zum Wohle der Einwohner
müssen die Anschlüsse an die L 205 neu den Bedürfnissen beider Ortsteile
entsprechen, die Grundstückseigner zufrieden stellende Entschädigungen oder
Ausgleiche erfahren und der Ausbau sachgerecht erfolgen. Bezweckt werden keine
überregionalen Lösungsansätze, sondern die Entlastung vor Ort, der durch
entsprechende Linienführung, Richtgeschwindigkeiten sowie Verknüpfungen in Form
von Kreisverkehren Rechnung getragen wird. Wirksam kann die erwartete
Entlastung um rund 75 Prozent des Verkehrsaufkommens aber nur dann werden, wenn
auch die Ortsumfahrung Markdorf realisiert wird. Der zähe Verkehrsfluss durch
das gesamte Markdorfer Stadtgebiet ist bestens bekannt. Das Ausweichen in die
Wohngebiete darf jedenfalls nicht die Lösung dieses Problems sein.
Auch die Entwicklungspläne
der Gemeinde Salem wirken sich auf Bermatingen aus. Allerdings ist deren
Vorhaben der Erschließung eines Gewerbegebiets nicht ursächlich für die
Notwendigkeit einer Ortsumfahrung Bermatingens. Vielmehr verschaffte es dem
bereits eingeleiteten Straßenplanungsverfahren hilfreichen Rückenwind für die
Aufnahme ins neue Landes-Impulsprogramm. Dass die erforderlichen Mittel -
immerhin neun Millionen Euro - nun zur Verfügung stehen, bedeutet, dass die
Gunst der Stunde gekommen und zu nutzen ist. Nie waren wir so nahe dran, den
Wunsch der Gemeinde, wie er durch den Bürgerentscheid am 6. April 2003 mit
großer Mehrheit eindrucksvoll artikuliert wurde, in die Tat umzusetzen. Es geht
nun darum, die Entlastung vom Verkehr, Lärm und von Schadstoffen zu erwirken,
neue Konflikte zu vermeiden, und schließlich weitere Entwicklungen im Ort zu
ermöglichen. Innerhalb von etwa fünf Jahren könnten Planung und Bau zum
Abschluss gebracht werden. Wollen wir uns dem ernsthaft verschließen? Als
Mitglied des Gemeinderats werde ich mich "pro" Ortsumfahrung
einsetzen.
Peter Jany, 51, gehört dem
Bermatinger Gemeinderat an und ist Professor für Maschinenbau und Rektor an der
Hochschule Ravensburg-Weingarten
Seit die Landesregierung
angekündigt hat, über ihr Impuls-Programm nun neun Millionen Euro für die
Ortsumfahrung Bermatingen bereitzustellen, wird das Thema intensiv und vor
allem kontrovers diskutiert: Die Politik vor Ort begrüßt die Pläne einmütig,
doch es gibt auch Kritiker. Weil die jedoch in der Regel nur selten ihren Weg
in die Zeitung finden, hat die SÜDKURIER-Redaktion Markdorf zwei externe
Experten zu diesem Thema gebeten, jeweils einen Gastbeitrag zum Thema
Ortsumfahrung zu verfassen, als "Pro" und als "Contra". In
unserer heutigen Ausgabe lesen Sie die Standpunkte auf der dritten Lokalseite,
der Seite 23.
Professor Peter Jany,
Gemeinderat in Bermatingen, plädiert vehement für die Umfahrung, während sich
Verkehrs-Initiativen-Mitglied Bob Jürgensmeyer ebenso entschieden dagegen
ausspricht. Wir würden uns freuen, wenn Sie, liebe Leser, das "Pro und
Contra" ebenfalls zum Mitdiskutieren im SÜDKURIER anregt. (gup)