VON BOB
JÜRGENSMEYER
Auch wenn sich die
Politiker für ihre "endlich freigegebenen Straßenbaumittel zur Entlastung
der Bürger" ohne kritische Rückfragemöglichkeit feiern lassen: Nur ganz
unbedarfte Bürger beziehungsweise Gemeinderatsmitglieder glauben den Politikern
noch, dass die Ortsumfahrungen kein Teil der "Hinterland-Trasse aus
verknüpften Ortsumfahrungen" sind.
1. Der Regionalverband, die
Industrie- und Handelskammer (IHK) Bodensee-Oberschwaben und die
Bodenseekreis-Verwaltung wollen den Salemer Raum zum
nächsten Industriegebiet des Kreises entwickeln (die Gründe: Platz, billiges
Bauland und ähnliches).
2. Friedrichshafen will mit
besseren Straßen die Kaufkraft des Hinterlandes an sich ziehen.
3. Das Regierungspräsidium
in Tübingen braucht eine Entlastungs- und Ausweichstrecke bei Stau, Unfällen
und Reparaturmaßnahmen auf der B31.
4. Die seenahen
B31-Anlieger erhoffen sich eine Entlastung durch eine Hinterland-Trasse, nicht
ahnend, dass sich dadurch die Kfz-Zusammensetzung auf ihrer B31 zum
Schwerverkehr hin verschiebt. Dann geht der Krach und
ein Lkw-Stau erst richtig los. Weniger Verkehr wird die B31 als überregionale
West-/Ost-Transit-Route nie mehr bekommen.
Sie sehen: nur die Dörfler
im Hinterland selbst sind an echter Entlastung interessiert. Von allen anderen
werden sie nur als Hebel für weiteren Straßenbau benutzt.
Und auch die erhoffte
Entlastung der Betroffenen ist hoch gefährdet: die Orte werden durch den
"induzierten Verkehr" auf den Ortsumfahrungen in der Summe deutlich
mehr Verkehr bekommen. Sehen Sie dazu einmal bei den qualifizierten
Abhandelungen der Verkehrswissenschaftler unter "Google"
nach.
Das führt laut den zwei
Umweltverträglichkeits-Gutachten der auf gleicher Trasse früher schon einmal
geplanten Straßen zu mehr flächiger Verlärmung, mehr Abgasen und weit weniger
Entlastung, als Ihnen trickreich von den Straßenplanern vorgerechnet wird
(wer's nicht glaubt, kann sich zum Thema Lärm beispielsweise bei den Eriskirchern erkundigen: trotz nachgerüstetem und
aufgestocktem Lärmschutz ist der Straßenlärm stark wetterabhängig dort immer
noch unangenehm laut).
Wir von den
Bürgerinitiativen fordern deshalb eine Fortschreibung des real bestehenden
Straßenbau-Moratoriums. Denken Sie doch einfach eine Generation weiter: was
wird sich alles ändern, so dass das vorhandene Straßennetz ausreicht?
Abnehmende, überalternde
Bevölkerung
Deutlich weniger
Jahres-Kilometer der älteren Generation
Leichtere Pkw mit leisem
Elektro-Antrieb
Zu wenig Straßenbaumittel
für den Netzerhalt
Hohe Mautgebühren
beziehungsweise Transitabgaben
Deutliche Verbesserung des
öffentlichen Nahverkehrs
Drastische Eingriffe im
Warentransit durch Spritmangel beziehungsweise dessen Verteuerung und die
Regionalisierung vieler Wirtschaftszweige (Bauwirtschaft,
Lebensmittelversorgung, Energiewirtschaft und dergleichen)
So könnte ich die Liste
noch um viele Punkte fortschreiben. Warum sollten wir unsere schöne Landschaft
mit überflüssigem Straßenbau weiter schädigen? Straßenbau nach dem Motto
"weiter wie bisher" löst keine Verkehrsprobleme.
Der Bermatinger
Diplom-Ingenieur Bob Jürgensmeyer, 68, ist Mitglied
bei den Vereinigten Verkehrsinitiativen der Bodenseeregion (VVB)
Seit die Landesregierung
angekündigt hat, über ihr Impuls-Programm nun neun Millionen Euro für die
Ortsumfahrung Bermatingen bereitzustellen, wird das Thema
intensiv und vor allem kontrovers diskutiert: Die Politik vor Ort begrüßt die
Pläne einmütig, doch es gibt auch Kritiker. Weil die jedoch in der Regel nur
selten ihren Weg in die Zeitung finden, hat die SÜDKURIER-Redaktion
Markdorf zwei externe Experten zu diesem Thema gebeten, jeweils einen
Gastbeitrag zum Thema Ortsumfahrung zu verfassen, als "Pro" und als
"Contra". In unserer heutigen Ausgabe lesen Sie die Standpunkte auf
der dritten Lokalseite, der Seite 23.
Professor Peter Jany, Gemeinderat in Bermatingen,
plädiert vehement für die Umfahrung, während sich Verkehrs-Initiativen-Mitglied
Bob Jürgensmeyer ebenso entschieden dagegen
ausspricht. Wir würden uns freuen, wenn Sie, liebe Leser, das "Pro und
Contra" ebenfalls zum Mitdiskutieren im SÜDKURIER anregt. (gup)